Anne Illing ist selten sprachlos. Aber als am 27. April ihr Telefon klingelt und eine Berliner Nummer aufleuchtet, denkt sie zunächst an einen Vertreter. Es ist keiner. Am anderen Ende der Leitung meldet sich der Deutsche Kitapreis.
Von über 600 Bewerbungen hat es ihre Einrichtung - eine AWO-Kita im sächsischen Oelsnitz - unter die letzten 15 geschafft. Das Problem: Anne steckt gerade in einem anderen Termin. Eine Viertelstunde muss sie die Nachricht für sich behalten. «Da war einfach so viel Freude da, dass irgendwie für nichts anderes Platz war im Kopf», erzählt sie später. Als das Gespräch vorbei ist, jubeln sie und ihre Co-Leiterin Stephanie Kluge gemeinsam im Büro - und dann mit dem ganzen Team.
Aus Sachsen unter die Nominierten
Der Deutsche Kitapreis ist die bedeutendste Auszeichnung für Kindertageseinrichtungen in Deutschland. Eine Fachjury bewertet nicht perfekte Ausstattung oder große Budgets, sondern gelebte Qualität im Alltag: Wie orientiert sich eine Kita an den Bedürfnissen der Kinder? Wie beteiligt sie Familien und Team? Wie entwickelt sie sich weiter? Die vier Qualitätsdimensionen heißen Kindorientierung, Partizipation, Sozialraumorientierung und Kita als lernende Organisation.
Dass ausgerechnet eine Einrichtung aus dem ländlichen Sachsen zu den 15 Nominierten gehört, überrascht vielleicht auf den ersten Blick.
Wir hätten nicht gedacht, dass wir einmal zu den Nominierten des Deutschen Kita-Preises gehören würden. Umso mehr freuen wir uns über diese Wertschätzung unserer Arbeit und darüber, Teil dieses Feldes engagierter Kitas aus ganz Deutschland zu sein,
sagt Stephanie Kluge. Sie leitet die Kita seit 2009, seit dem Einzug in den Neubau, der nächstes Jahr sein 20-jähriges Jubiläum feiert. Zusammen mit Anne Illing, die 2019 als Co-Leitung dazukam, führt sie ein Team von 13 Pädagog:innen, die 115 Kinder betreuen - von der Krippe bis zum Hort.
Vorgeschlagen für den Preis wurde die Kita nicht von sich selbst. Im vergangenen Jahr hatte die Einrichtung eine sogenannte Zukunftswerkstatt durchgeführt - einen moderierten Reflexionsprozess mit Feedback von Eltern, Kindern, Team und Träger. Begleitet wurde sie dabei von einer Referentin, die das Haus schon vor einigen Jahren auf seinem Weg unterstützt hatte. Nach ihrer Hospitation sagte sie: Ich würde euch dringend für den Deutschen Kitapreis vorschlagen.
Drei Familien unter einem Dach
Was macht diese Kita so besonders, dass eine externe Fachfrau sie weiterempfiehlt und eine Jury sie aus Hunderten auswählt? Die Antwort liegt in einem Konzept, das die Einrichtung über Jahre entwickelt und immer wieder angepasst hat.
Ursprünglich arbeitete die Kita mit einem offenen Konzept: Themenräume, freie Wahl, maximale Entfaltung. «Das lief auch ganz wunderbar», erzählt Stephanie Kluge. Aber über die Jahre merkten sie und ihr Team, dass nicht alle Kinder davon profitieren. Gerade die Jüngsten brauchten mehr Nähe, mehr Nest. Und Kinder, die am liebsten bei ihrer Pädagogin blieben, schränkten sich unbeabsichtigt selbst ein: «Wenn ein Kind am liebsten bei der Pädagogin im Malatelier war, beschränkt sich die Welt des Kindes auf das Malatelier.»
Die Lösung, die das Team entwickelte, ist eine eigene Form: Drei Familiengruppen, in denen Kinder aller Altersgruppen zusammen betreut werden - von der Krippe bis ins Kindergartenalter. Jede Gruppe nutzt mehrere Räume, die die Vielfalt der früheren offenen Arbeit im Kleinen abbilden: Bauen, kreatives Gestalten, Bewegung, Rückzug. «Wie drei kleine Mini-Kitas», beschreibt es Stephanie Kluge. Wer darüber hinaus die Welt erkunden möchte, kann jederzeit andere Gruppen besuchen. Geborgenheit und Freiheit - das ist hier kein Widerspruch.
Wie ein Wimmelbild - mit Struktur
Wie sich das anfühlt, zeigt sich schon am Morgen. «Man kommt zur Tür rein, da brennen dezente Lichter, da ist ruhige Musik», beschreibt Anne Illing. Die erste Fachkraft nimmt jedes Kind so in Empfang, wie es das gerade braucht: ein fröhliches Hallo, eine stille Begleitung oder ein letztes Herz an der Tür, bevor die Mama geht. «Damit die Kinder gut ankommen und die Eltern mit einem guten Gefühl in ihren Tag starten können.»
Im Laufe des Vormittags füllt sich das Haus. In den Gruppenräumen herrscht Geborgenheit, im Flur entsteht etwas, das Anne liebevoll als «Wimmelbild» beschreibt: Kinder schauen, ob die Freundin schon da ist, ob noch ein Platz am Frühstückstisch frei ist, was heute los ist. Im Hintergrund wird strukturiert - Zeiten, Abläufe, Ankerpunkte -, damit die Freiräume der Kinder funktionieren können.
Der Anfang vom Frieden
Was das Konzept bewirkt, zeigt eine Szene, die Stephanie Kluge vor Kurzem beobachtet hat. Innerhalb einer Stunde erlebte sie gleich zwei Momente, die sie tief beeindruckten.
Ein großes Schulanfänger-Mädchen bemerkt, dass ein Kleinkind aus einer anderen Gruppe zu ihnen gewandert ist - und spürt, dass das noch nicht das Richtige für das Kind ist. Ohne es zu schieben oder an der Hand zu nehmen, lädt sie es ein, mit ihr zurückzugehen. Mit Zeit und Hingabe gelingt es ihr. Kurz darauf bittet ein anderes großes Mädchen die Erzieherin, mit Bezug auf ein Kleinkind: «Ich würde sie gerne selber anziehen wollen» - und begleitet es liebevoll in der Garderobe.
Da kommen mir manchmal die Tränen, weil ich einfach denke: Das ist so wertvoll. Wenn Kinder den anderen sehen, die Signale lesen können und das Kind einladen - nicht übergriffig, sondern mit Empathie.
Eine Pause. Dann sagt sie leise:
Das ist der Anfang vom Frieden.
Für Stephanie Kluge liegt hier der Kern dessen, was ihre Kita ausmacht: Lernen am Modell. Die großen Kinder beobachten, wie die Pädagog:innen die Kleinen begleiten und leben es nach. «Wir leben es vor und sie können es nachleben. So hängt alles miteinander zusammen, was hier passiert.»
Veränderung als Prinzip
Dass sich dieses Konzept so entwickeln konnte, liegt an einer Haltung, die beide Leiterinnen durchs gesamte Gespräch hindurch betonen: der Bereitschaft, sich immer wieder in Frage zu stellen. «Veränderung - das ist die stabilste Größe in unserem Haus», sagt Stephanie Kluge. Das Team trifft sich regelmäßig, hinterfragt Abläufe, probiert in kleinen Schritten Neues aus und reflektiert nach ein paar Wochen ehrlich, ob es funktioniert. Manchmal kehren sie zu Lösungen zurück, die sie schon einmal verworfen hatten - weil die Kinder jetzt andere Bedürfnisse zeigen als noch vor zwei Jahren.
Es gibt Grundwerte, die sind unverrückbar. Und an denen entlang können wir uns ganz frei bewegen.
Mehr Zeit für das Wesentliche
Auch hinter den Kulissen hat sich in den vergangenen Jahren viel verändert. Elternbriefe auf Papier, morgendliche Telefonketten zur Krankmeldung, handschriftliche Essensabrechnungen - das war einmal. «Früher hat das Telefon gerade in der Ankommenssituation ständig geklingelt», erinnert sich Stephanie Kluge. «Da brauchen die Kinder die Erzieher:innen ganz besonders und wir hatten immer jemanden im Telefondienst.»
Heute läuft vieles über easychild, die Kita-App, mit der die Einrichtung seit einigen Jahren arbeitet. Eltern melden ihre Kinder digital ab, oft schon am Vorabend. Informationen, die früher als Zettel in den Fächern landeten, erreichen die Familien jetzt mit einem Klick. Die Essensabrechnung, die früher einen ganzen Vormittag kostete, dauert noch zwanzig Minuten.
Anfänglich gab es Bedenken bei den Eltern, erzählt Anne Illing: «Eltern haben gesagt: Wenn ich jetzt nur eintrage, dass mein Kind krank ist, verlieren wir dann nicht die Verbindung?» Die Sorge hat sich nicht bestätigt. Im Gegenteil: Weil organisatorische Informationen jetzt digital laufen, bleibt in den Tür-und-Angel-Gesprächen mehr Raum für das, was wirklich zählt.
Wenn man das auf die pädagogische Qualität runterbricht: Am Ende bleibt einfach mehr Zeit für die eigentlich wichtigen Dinge.
Warum sich das alles lohnt
Auf die Frage, warum sich die ganze Arbeit lohnt, müssen beide Leiterinnen nicht lange überlegen - aber sie schauen in entgegengesetzte Richtungen.
Annes Blick geht zu den Allerkleinsten: Wenn ein Krippenwürmchen, das in den ersten Tagen Kummer hatte, irgendwann auf ihrem Schoß sitzt und plötzlich die Sicherheit gefasst hat, aufzustehen und zu spielen. «Dann denke ich: Dafür lohnt sich das einfach!»
Stephanies Blick geht zu den Großen: Wenn die Kinder zum Abschluss ihrer Kindergartenzeit auf der Bühne stehen, bei einer Talenteshow, die sie komplett selbst geplant haben. «So gestärkt und so motiviert gehen sie in den nächsten Lebensabschnitt», sagt sie. «Mit dem Gefühl, wir haben da was beigetragen.»
Vom ersten Tag in der Krippe bis zum letzten Applaus auf der Bühne - dazwischen liegt das, was diese Kita ausmacht. Ende Juni werden die acht Finalisten des Deutschen Kitapreises bekannt gegeben. Wir drücken die Daumen.